Im Rahmen des „Hessischen Gedenktags für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation“ haben Neonazis von der Partei Der III. Weg den Tag der sogenannten „Heimatvertriebenen“ dazu genutzt, um für ihre Parteiforderung nach einem „großdeutschen Reich“ zu agitieren. Vor allem im Kreis Groß-Gerau haben sie im Rahmen ihres bundesweiten Aktionstages unter dem Motto „Verzicht ist Verrat“ Kerzen an diversen Denkmälern für „Heimatvertriebene“ abgestellt. Der „Hessische Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation“ ist 2014 vom amtierenden Ministerpräsidenten Volker Bouffier1 ins Leben gerufen worden, um ein „Zeichen der würdigenden Anerkennung für die gelungene Integration und die Aufbauleistung der Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler in Hessen“ zu sein. Des Weiteren heißt es darin, dass damit nicht das „Gedenken an andere Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des 2. Weltkrieges“ relativiert werde.
Die Aktionen der Neonazis stehen dabei in keinem luftleeren Raum, sondern reihen sich nahtlos in die schon länger zu beobachtenden Aktivitäten des III. Weg im Kreis ein, sowie der jahrzehntelangen geschichtsrevisionistischen Propaganda und dem pflegen eines Opfermythos von selbsternannten „Heimatvertriebenen“ in der gesamten Bundesrepublik.
Aktivitäten des III. Weg in Südhessen
Gegründet wurde der III. Weg nach parteiinternen Machtkämpfen innerhalb der NPD von Klaus Armstroff im September 2013 in Heidelberg. Laut eigener Aussage steht die drei dabei für die drei Säulen der Partei, „Politischer Kampf, Kultureller Kampf, Kampf um die Gemeinschaft“, welche nur gemeinsam ihre Wirkung entfalten könnten. Klaus ist mit Dörthe Armstroff verheiratet, welche zuvor unter anderem Landesvorsitzende der NPD in Rheinland-Pfalz war. Beide wohnen in Bad Dürkheim in Rheinland-Pfalz. Neben Armstroff sind mit Matthias Herrmann aus Runkel und René Rodriguez-Teufer2 zwei führende Kader des Aktionsbüro Rhein-Neckar im Parteivorstand, welche ebenfalls früher Führungsrollen bei der NPD einnahmen. Teufer war auch Gründungskader der neonazistischen Kameradschaft Bergstraße (KSB)3, welche zwischen 2001 und 2006 ihr Unwesen im Kreis trieb und das Aktionsbüro Rhein-Neckar (ABRN) mitbegründete.

René Rodriguez-Teufer mit Schlauchboot am 1. Mai 2017 in Gera
Mindestens seit Februar 2015 sind Aktivitäten der Partei im Kreis Groß-Gerau feststellbar. Der Stützpunkt Rheinhessen4 führte gemeinsam mit den Autonomen Nationalisten Groß-Gerau (ANGG) eine „Deutsche Winterhilfe“ durch. Diese „Winterhilfen“ entstammen dem historischen Nationalsozialismus, wobei Hilfe nur „deutschen“ Obdachlosen gewährt wird, und dienen der Inszenierung der von Neonazis propagierten „Volksgemeinschaft“. Solche Aktionen wurden bis zu diesem Zeitpunkt im Ried von der ehemaligen Kameradschaft Nationale Sozialisten Ried (NSR) als Teil des ehemaligen Freien Netz Hessen5 (FNH) durchgeführt. Die ANGG übernahm als Nachfolgeorganisation der NSR die „Winterhilfe“ und begann diese gemeinsam mit dem III. Weg durchzuführen. Die ANGG, deren Aktivitäten vor allem auf ein junges Neonazi Ehepaar aus dem Stadtteil Dornheim zurückzuführen sind, nahmen als Teil des AKK an der 1. Mai-Demonstration des III. Weg in Plauen (2016) teil. Im Vorfeld der Demonstration organisierten sie gemeinsam mit dem III. Weg im April einen Infostand in der Innenstadt von Groß-Gerau, um für eben jene zu werben. Nachdem es in Plauen bereits zum zweiten Mal in Folge bei der 1. Mai-Demonstration des III. Weg zu gezielten Angriffen auf Journalist*innen, Gegendemonstrant*innen und die Polizei – vor allem aus den Reihen des von Transparenten des AKK dominierten Blocks – kam, wurde das AKK offiziell von der diesjährigen 1. Mai-Demonstration der Partei in Gera ausgeladen. Hierbei ging es weniger um die Gewaltfrage, der AKK als Block passt nicht zu dem präferierten Aufmarschmodell des III. Weg mit Trommeln und Fahnen, angelehnt an den historischen Nationalsozialismus.





Im vergangenen Jahr haben Mitglieder des III. Weg im Kreis Groß-Gerau, sowie die ANGG, zur sogenannten Demo für Alle (DfA) um Hedwig von Beverfoerde in Wiesbaden mobilisiert und hierfür Flugblätter in einigen Gemeinden verteilt. An der Demonstration am 30. Oktober 2016 nahmen mindestens sechs Mitglieder des III. Weg teil, darunter Julian Bender (Gebietsverbandsleiter West) aus dem Kreis Olpe.6 Die ANGG ließ sich nicht blicken. Am 25. Juni 2017 fanden sich mindestens 12 Mitglieder des III. Weg bei der Kundgebung der DfA in Wiesbaden wieder, darunter Klaus Armstroff und Mario Matthes (ehemals NPD und ABRN, wegen eines Angriffs auf einen linken Studierenden von der Uni Mainz verwiesen) aus dem Raum Ludwigshafen. Jedoch verließen sie noch vor Beginn der Demonstration das Gelände, auch wenn sie in ihrem Erlebnisbericht auf ihrer Webseite behaupten mitgelaufen zu sein.




Am 10. September führte der III. Weg in verschiedenen Teilen der Bundesrepublik vereinzelte Propagandaaktionen durch, um auf ihre Forderung aus ihrem Parteiprogramm nach der Wiederherstellung eines „großdeutschen Reiches“ aufmerksam zu machen. In ihrem Propagandavideo zu der Aktion bezogen sie sich explizit auf den hessischen und bayrischen Gedenktag für „Heimatvertriebene“. Eines der Aktionsräume wurde als „Bergstraße“ angegeben, allerdings wurde nur eine Kerze am Denkmal für die „Heimatvertriebenen“ in Lampertheim-Hofheim hinterlassen. Weitere wurden in Büttelborn, Crumstadt, Walldorf und Groß-Gerau abgestellt, Gemeinden die sich alle bekanntlich im Kreis Groß-Gerau befinden. Teilweise waren die Kerzen noch nicht einmal entzündet worden. Ansonsten hinterließen sie nur noch in Fulda, Villmar und Usingen am Taunus weitere Kerzen in Hessen.

Bisher hatten Neonazis, darunter die ANGG, versucht unter dem Namen Aktionsbündnis gegen das Vergessen Südhessen (AgdV) an gesellschaftlich verankerte Opfermythen rund um die Bombardierung deutscher Städte im Verlaufe des 2. Weltkrieges anzudocken. Es wurden kleinere Propagandaaktionen in der Nacht durchgeführt, in der Regel haben sie es aber lediglich geschafft einige Kerzen abzustellen und sich dabei zu fotografieren.

Abschließend lässt sich festhalten, dass seit Jahren durchgängig neonazistische Propaganda im Kreis Groß-Gerau durch die ANGG verbreitet wird, wobei eine zunehmende Präsenz und teilweise zusammenarbeit mit dem III. Weg zu beobachten ist.7 Allerdings sollte das nicht über die personelle und organisatorische schwäche der Partei und der ANGG in der Region hinwegtäuschen.
Zum Weiterlesen: Übersichtsartikel III. Weg – Antifa Infoblatt
1. Volker Bouffier erhielt am 2. Juni den „Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft“. Diesen erhielten bereits andere illustre Persönlichkeiten wie die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach, Vorsitzende des Zentrums gegen Vertreibung des Bundes der Vertriebenen in Wiesbaden. Steinbach ist laut gesetzlicher Definition keine „Heimatvertriebene“, da ihre Eltern erst 1941 im Dienste der Luftwaffe nach Polen zogen.
2. Bis 1997 betrieb Teufer gemeinsam mit Alexander Feyen von den Jungen Nationaldemokraten (JN) den Rechtsrockversand „Wiking-Tonträger“ in Hemsbach. Bis zum Verbot der Organisationen war er zuvor bei der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP), der Deutschen Alternative (DA) und der Wiking-Jugend im Raum Rhein-Neckar aktiv.
3. Im Jahr 2000 zunächst unter dem Namen Nationaler Widerstand Bergstraße gegründet.
4. „Stützpunkt“ bezeichnet einen Regionalverband der Partei.
5. Das Freie Netz Hessen tritt seit 2015 unter dem neuen Namen Antikapitalistisches Kollektiv (AKK) auf. Bekannte Führungspersonen des AKK sind beispielsweise Maximilian Reich (ehemals Nationale Sozialisten Rhein-Main, mittlerweile im Vorstand der JN Baden-Württemberg; Betreiber des Versandhandels Revoltopia), Thassilo Hantusch (Vorstand der JN Hessen, Bundestagskandidat der NPD) und Michael Zeise (Kollektiv 56, Erfurt).
6. Hier ist eine Propagandaaktion des III. Weg nach hinten losgegangen: https://www.wp.de/staedte/kreis-olpe/klage-gegen-dritten-weg-abgewiesen-kein-unternehmen-id211072499.html
7. Der organisatorische Bezugspunkt zur JN Hessen bleibt allerdings weiterhin stärker. Die ANGG tritt seit Jahren auch als JN Südhessen auf, am 23. Mai 2015 nahmen sie beispielweise an einem Pfingstlager der JN in Lützellinden teil.